„Hört auf zu bauen! Alle Häuser sind schön“
Luise Rellensmann, Alexander Stumm (Hrsg.): Die Abrissfrage
Jovis Verlag, 2025
Der Expertenrat für Klimafragen stellte jüngst fest, dass die Zielvorgaben der Europäischen Klimaschutzverordnung für Deutschland sehr deutlich verfehlt werden. Es besteht also Handlungsbedarf und eigentlich ist allen klar, dass sich die gesteckten Klimaschutzziele nur erreichen lassen, wenn das Tempo der Emissionsminderung schnell erhöht wird. Das gilt insbesondere im Gebäudesektor, der seit Jahren die Minderungsziele verfehlt.
„Kleinere Anpassungsstrategien reichen dafür nicht aus, es bedarf einer grundlegenden Neuorientierung der Planungskultur.“ so Alexander Stumm in der Einleitung zu dem von ihm und Luise Rellensmann herausgegeben Sammelband „Die Abrissfrage“.
An eine informative Genealogie einer modernen Baupraxis schließen sich kritische Auseinandersetzungen mit dem Abrissgeschehen in Hannover, Berlin, Offenbach und Freiburg. Zwischenkapitel dokumentieren 64 kürzlich abgerissene oder akut vom Abriss bedrohte Gebäude in Berlin, Brandenburg, Kassel und München. Diese Übersicht entstand in Zusammenarbeit mit Studierenden der TU Berlin, der Hochschule München, der Universität Kassel und der BTU Cottbus.
Wie überhaupt Initiativen gegen Abriss vielfach gerade von jungen Engagierten getragenen werden. So auch der Protest gegen den Abriss des Ingenieurwissenschaftlichen Zentrums (IWZ) der TH Köln auf dem Campus Deutz. Das aus den 1970er Jahren stammende Gebäude soll durch einen Neubau ersetzt werden. Anlässlich des ersten Teilabrisses, der den einzigen qualitativ hochwertigen Grünraum auf dem Campus zugunsten eines temporären Parkplatzes zerstörte, organisierten Studierende der Fakultät für Architektur gemeinsam mit der Kölner Anti-Abriss-Initiative „initiative.umbau“ eine Reihe von Aktionen.
https://www.initiative-umbau.org/
In weiteren Beiträgen analysieren Katrina Majlund Jensen und Luise Rellensmann wie sich Künstler*innen seit der aufkommenden Konzeptkunst mit dem Thema Abriss auseinandersetzen. Laura Calbet Elisas zeigt die sozialen Folgewirkungen von Abriss-Neubau in Berlin auf. Dina Dorothea Falbe (Fotos: Martin Maleschka) sieht am Umgang mit zwei Arealen im Potsdamer Zentrum Beispiele für einen demonstrativen Bruch mit der Zentrumsplanung der DDR.
Der Kampf gegen Abriss ist allerdings keineswegs neu. Alexander Stumm zeigt in fünf Szenen, wie sich in der BRD der 1960er bis 1980er Jahre Akteur*innen mit unterschiedlichen Strategien gegen Abriss einsetzten. Von der „Aktion 507“ und der Ausstellung „Diagnose“ 1968 in Berlin („Hört auf zu bauen! Alle Häuser sind schön“) bis zum Architekturbüro Baufrösche, das 1978 in Kassel „10 Binsenweisheiten der ‚einfachen‘ Stadtplanung“ veröffentlichte.
Für Beiträge zur Architektur und Stadtplanung immer noch auffallend: der hohe Anteil von Autorinnen und Beiträge wie ein Feministisches Glossar Abrisswerkzeuge und Genderkompetenz (Martha Seeger und Lukas Strasser) und ein Recherchebericht über penetrierende Werkzeuge und phallische Bagger (Martha Seeger, Lukas Strasser und Yulia Ostheimer).
Abriss-Moratorium
Den Abschluss bildet der Aufruf an die Architekt*innen, sich als politische Akteur*innen zu begreifen. Aus diesem Gedanken heraus entstand 2022 ein offener Brief an die damalige Bundesbauministerin Klara Geywitz mit der Forderung nach einem Abriss-Moratorium.
https://www.bda-bund.de/2022/09/abrissmoratorium/
Die Fraktion Die Linke hatte die Forderung nach einem Abriss-Moratorium im November 2022 als Antrag in den Kölner Rat eingebracht. Nicht der Erhalt von Gebäudestrukturen sei erklärungsbedürftig, sondern ihr Abriss. Diesen Gedanken sollte der Rat seinen Baubeschlüssen zugrunde legen. Der Antrag wurde zunächst in den Bauausschuss verwiesen und dort auf mehreren Sitzungen diskutiert. Die Gebäudewirtschaft der Stadt Köln organisierte dann einen informativen Workshop. Erklärter Zweck war die Erarbeitung eines Zielbilds für eine nachhaltige Gebäudewirtschaft und eines Kriterienkatalogs, in dem unter anderem die deutlichere Einbeziehung von Lebenszyklusbetrachtungen bei der Projektierung von Bauprojekten betont wurde. Nach insgesamt zwei Jahren Beratungszeit wurde dann jedoch nur eine abgeschwächte Fassung des Abriss-Moratoriums beschlossen.
https://ratsinformation.stadt-koeln.de/getfile.asp?id=1015355&type=do
Die deutliche Senkung der Emissionen wird tagtäglich dringlicher, auch in Köln. Damit wächst der Druck, sich vom Abriss-Wahn zu verabschieden. Eine Einsicht, der sich der im September 2025 neu gewählte Rat hoffentlich nicht verschließen wird.
Mit dem Buch startet der Jovis-Verlag seine neue Reihe Fundamente Ökologisches Bauen. Wir können uns also auf weitere interessante Veröffentlichungen freuen.