Gabu Heindl / Drehli Robnik: Nonsolution: Zur Politik der aktiven Nichtlösung im Planen und Bauen

Gabu Heindl / Drehli Robnik: Nonsolution: Zur Politik der aktiven Nichtlösung im Planen und Bauen

Blog zu Bauen. Wohnen. Stadtentwicklung in Köln

Dr. Günter Bell, Stadtplaner und Sozialwissenschaftler, Geschäftsführer der Fraktion DIE LINKE. im Rat der Stadt Köln, kommentiert hier privat.

Die Architektin und Stadtplanerin Gabu Heindl und der Essayist und Theoriedienstleister Drehli Robnik haben 2024  im Hamburger adocs Verlag ein Plädoyer für das Massenhafte und eine Politik der aktiven Nichtlösung im Planen und Bauen vorgelegt.

Erklärungsbedürftig ist sicher der titelgebende Begriff „nonsolution“. Heindl und Robnik verwenden den Begriff zum einen im Sinne einer Lösung, die den ihr innewohnenden Widerspruch mit zur Geltung bringt, also ihre Strittigkeit mit in den Raum stellt. Zum anderen als Denkweise, die einen Raum für Argumentationen eröffnet. Und schließlich als Haltung, die Herrschaftskritik übt und egalitäre Gerechtigkeit fordert.

Als Beispiele einer solchen nonsolution erwähnen sie die (nicht) Neugestaltung des Place Leon Aucoc in Bordeaux (Büro Lacaton & Vassal) und der Nichtbebauungsplan am Wiener Donaukanal (Haind & Kraupp). Beides Momente der Blockade gegen den Hang von Stadtverwaltungen, Verwertungsbedingungen für Investment-Kapital zu optimieren.

„Reflexionslose Lösungsversessenheit“

Ich möchte einen weiteren Gedanken dieses insgesamt sehr anregenden Buches herausgreifen: Unsere Gegenwart ist durch eine Polykrise geprägt. Aber manche vermeintliche Krise – darauf weisen Heindl und Robnik hin – bedeutet den Normalmodus systemischer Abläufe. Das trifft so etwa auf die Wohnungskrise zu: Die Verknappung von Wohnraum resultiert aus den Dynamiken kapitalistischer Vermarktung und Finanzialisierung.

„Homelessness exists not because the system is failing to work as it should, but because the system is working as it must.“ zitieren sie Peter Macuse.

Und es ist ganz im Interesse der Investor:innen, wenn mit Verweis auf diese Krise ein Zeitdruck behauptet wird, der zur Legitimation von „alternativlosen“ Lösungen dienen soll, Lösungen, bei denen außer Acht bleibt, wer von ihnen profitiert und wer keineswegs profitiert. 

Eine solche Lösung bietet die Losung „Bauen! Bauen! Bauen!“. Sie bietet Investor:innen und deren Unterstützer:innen Gelegenheiten für Spatenstich-Bilder in ‚Macher‘-Posen. Ihre Umsetzung hat aber mehr ökologische Zerstörung, mehr Zersiedlung und mehr Versieglung zur Folge. Dabei reduziert sie kaum jemals die Obdachlosigkeit, solange dieser neue Wohnraum zur Profitmaximierung dient und daher die Mieten für die Meisten schlicht nicht bezahlbar sind.

Solche „Reflexionslose Lösungsversessenheit“ reduziert Lösungen auf die jeweils immer schon für sie als gegeben bereitstehenden Mittel, also auf den Beibehalt jeweils gegebener Eigentums- und Herrschaftsverhältnisse.

Statt 400.000 Wohnungen neu zu bauen, wie von der Bundesregierung propagiert, sollten leerstehende, untergenutzte oder verfallsbedrohter Wohnraum revitalisiert und reaktiviert werden. So die Forderung von Heindl und Robnik.

Anstelle jenes solutionism, der ‚Bauen! Bauen! Bauen!‘ als Losung einer pauschalen Lösung ausgibt, hält nonsolution über aktuelle Notlagen und Funktionsbestimmungen an der Richtung einer egalitären Umverteilung von (nicht nur) räumlichem Reichtum fest.

Dem Buch von Heindl und Robnik ist zu wünschen, dass es unter Planer:innen ebenso wie unter Politiker:innen aufmerksame Leser:innen findet und zu einer bewussten Ausübung dessen, was an Architektur politisch ist, ihrem Gerechtigkeitsanspruch, anregt.

Erschienen im adocs Verlag, Hamburg, 2024

Beitragsbild: (C) Gabu Heindl: Draußen im Gefängnis

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